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Vom Straßen- und Wegebauer zum Hausmeister


Zur Erfolgsgeschichte "Vom Straßen- und Wegebauer zum Hausmeister"

Vom Straßen- und Tiefbauer zum Hausmeister – das klingt nicht nach einer erfolgreichen beruflichen Entwicklung. Doch lassen Sie uns gemeinsam nachvollziehen, wie sich berufliche und persönliche Entwicklungsziele über ein mehr als 20jähriges Erwerbsleben verändern können. Der heutige Hausmeister ist 44 Jahre alt, verheiratet und hat eine Tochter, die in die Schule geht und manchmal langsam und dann wieder ganz schnell erwachsen wird. Der berufliche Entwicklungsweg hat so angefangen:


Ich wollte den Beruf meines Vaters einfach weiter fortführen. Das war für mich klar. Und da ich in der Schule nicht immer der Fleißigste war, war es auch der sicherste Weg, in eine Ausbildung zu kommen. Ich war der Einzige in meiner ganzen Berufsschulklasse, der diesen Beruf wirklich lernen wollte. Alle anderen haben das nur gemacht, weil sie keine anderen Berufe bekommen haben. Ich wollte es wirklich machen. Ich fand das schon immer spannend.


In den Ferien war ich immer bei meinem Vater und habe gearbeitet. Da waren wir den ganzen Tag dort auf dem Bauhof und haben mit den Maschinen rumgespielt. Das war einfach spannend, das war Abenteuer pur. Deshalb habe ich den Beruf gelernt, also komplett alles: Straßen-, Wege-, Tief- und Asphaltbau.


Ich war dann zuerst bei der Stadt beschäftigt. Da war ich am Anfang nicht ganz so zufrieden. Ich hatte was gelernt, und auf einmal hieß es: Bitte Unkraut zupfen. Das ging dann schon gegen meine frische Berufsehre. Da habe ich mich umgeschaut. Und habe eine Arbeit bei der Verkehrsleiteinrichtung gefunden. Fachlich war das schon etwas anderes, mit den ganzen Schildern, aber, die waren ganz glücklich, endlich hatten sie mal jemanden, der nach dem Schilderaufstellen auch wieder ordentlich zupflastern konnte.


Es sind oft Arbeitsinhalte oder Arbeitsbedingungen, die die Frage nach einem Wechsel des Arbeitsgebers oder einem beruflichen Wechsel aufwerfen. Doch manchmal sind es auch Veränderungen in den persönlichen Lebensumständen, die eine berufliche Neuorientierung interessant erscheinen lassen. Dabei geht es nicht immer um einen beruflichen Wechsel. Es kann auch der Wechsel des Arbeitgebers sein, der die Ausübung des erlernten Berufes in einem neuen Arbeitsumfeld in einem neuen, befriedigenden Licht erscheinen lässt. Diesen Prozess hat unser Erzähler so erlebt:


Und dann war die Wende. Da hatte mein Vater dann ein Problem mit Arbeitskräften und er hat mich gefragt, ob ich in seinem Betrieb einsteigen möchte. Ich hatte ja dort auch wesentlich bessere Verdienstmöglichkeiten. Und so habe ich dort viele Jahre als Baggerfahrer gearbeitet.


Dann hat mein Vater sich selbständig gemacht. Er war entlassen worden und hatte einige vergebliche Versuche gemacht in anderen Betrieben unterzukommen. Und dann hieß es, ich mache mich selbstständig, machst Du mit? Und ich habe gesagt: Na klar. Es war ja auch so, dass ich es in dem ehemaligen Betrieb meines Vaters schon schwer mit den Kollegen hatte. Ich war der Sohn vom Geschäftsführer und da gab es schon Pfeffer von oben und von unten. Und dem neuen Geschäftsführer war ich dann sowieso ein Dorn im Auge. Also da fiel es mir nicht schwer zu sagen, ich gehe.


Man hat mir das Leben ja auch nicht leicht gemacht. Ich wollte beruflich vorankommen und meine Meisterausbildung machen. Aber da hieß es, wir haben kein Interesse, Sie zu qualifizieren. Das einzige, was wir Ihnen anbieten können, ist eine unbezahlte Freistellung. Und da habe ich mich eben dann zwei Monate unbezahlt freistellen lassen und habe aber die ganzen Kosten für diese Meisterausbildung alle selber getragen. Als ich mit den ersten beiden Teilen der Ausbildung fertig war, kam dann mein Vater mit der Idee der Selbständigkeit. Deswegen habe ich den Meister nicht abgeschlossen, denn der zweite Teil der Ausbildung wäre außerhalb von Dresden immer zwei Tage die Woche gewesen. Du kannst aber keinen Betrieb neu aufmachen, wo 50% der Arbeitskraft zwei Tage nicht da ist. So habe ich den Abschluss immer vor mir hergeschoben und dann ist es nie geworden.


Ich war nun direkter Angestellter meines Vaters. Das war nicht immer einfach, denn unsere Temperamente ähneln sich. Doch im großen Ganzen, es hat mir immer Spaß gemacht. Ich hatte jetzt viel Verantwortung und habe viel dazugelernt. Ich habe mehr handwerklich gearbeitet. Das war für mich sehr gut, weil das in der Lehrausbildung doch ein bisschen zu kurz gekommen ist.


Ich habe viel Handwerkliches von meinem Vater gelernt. Einfach beim miteinander Arbeiten. Dafür konnte ich meinem Vater neue Technologien erklären, die ich kennengelernt hatte und er als ehemaliger Geschäftsführer nicht kannte. Also, wir haben uns richtig gut ergänzt. Ich habe vor Ort auf den Baustellen, manchmal auch gemeinsam mit zwei Angestellten, gearbeitet und er hat, wenn er dann am Wochenende da war, die ganzen Büroarbeiten gemacht. Denn das Büro, das war nie meins und wird es auch nicht werden. Die Kundengewinnung funktionierte im gegenseitigen Einvernehmen. Man kann fast sagen, 50% zu 50% haben wir die Aufträge rein gebracht. Das ist mir auch nicht schwer gefallen. Ich habe einen großen Freundeskreis und kenne auch Viele in der Baubranche. Da sind viele Aufträge reingekommen. Also an Aufträgen hat es eigentlich nie wirklich gemangelt. Sicherlich gab es Wochen, wo man am Freitag nicht wusste, wo man Montag anfängt. Doch Sonntagabend wusste man dann auch noch nicht, auf welche Baustelle man Monatg zuerst hingehen sollte.


Aufgegeben haben wir unsere kleine Firma, weil mein Vater dann mehrfach Thrombosen hatte und nicht mehr so wie vorher mit auf den Baustellen arbeiten konnte. Und diese Doppelbelastung, Büro und Baustellen, wollte er nicht mehr. Er hatte dann das Angebot bekommen, wieder als Ingenieur bei einer Firma einzusteigen, und wollte komplett aus unserer Selbständigkeit raus. Er hat mich gefragt, was ich möchte. Und da habe ich gesagt, ich probiere es, mich allein selbständig zu machen.


Inzwischen war ja auch unsere Tochter geboren. Und ich wusste, wenn ich in eine große Firma gehe, kann ich mich nicht um die Kleine kümmern. Das geht auf dem Bau nicht. Da gibt es kein Verständnis, wenn du sagst, ich muss um 16:00 Uhr nach Haus oder mein Kind ist krank. Ich kann morgen nicht kommen. Das wird es wahrscheinlich auch nie geben, weil da einfach genügend Leute auf der Straße stehen und warten, dass sie Arbeit bekommen. Und da wird auch abgewogen, klar ist der ausgebildet, hat die Qualifikation, aber das können auch zwei Ungelernte für weniger Geld machen.


Damit war für mich klar – berufliche Selbständigkeit. Irgendwas anderes machen wollte ich damals auch nicht, weil ich meinen Beruf sehr gern gemacht habe. Und so habe ich es versucht, eine kleine Firma, meistens nur ich allein, zu führen. Geräte habe ich nur im Notfall gemietet. Für eigene Geräte brauchst du eine größere Firma und dann wäre mein Konzept mit der Betreuung unserer Tochter nicht aufgegangen. Und für unsere Tochter wollte ich da sein, denn das war klar, dass meine Frau weiter im Beruf bleibt. Nicht zuletzt wegen ihres sicheren Gehaltes. Wir hatten ja inzwischen auch das Haus gekauft und das muss bezahlt werden.


Es hatte sich für unseren Erzähler viel verändert in den letzten Jahren. Der Vater hat die Arbeit in der gemeinsamen Firma aus gesundheitlichen Gründen aufgegeben. Unser Erzähler hat geheiratet, ein Haus gekauft und eine Tochter war geboren worden. Er war nicht der Hauptverdiener und musste einen Weg finden, die Zeit für die Betreuung der Tochter aufzubringen. Doch ging das Konzept der zeitlich flexiblen Selbständigkeit wirklich auf Dauer auf?


Am Anfang lief es ja alles ganz gut. Doch ich hatte immer wieder das Problem, dass ich größere Aufträge nur selten annehmen konnte. Ich hatte ja kaum jemanden, der zuverlässig für mich gearbeitet hätte und viel Geld konnte ich auch nicht zahlen. Und die ganze Büroarbeit, die zu so einer Firma gehört, das hatte ich ja bei meinem Vater nicht gelernt. Es war eben nicht meine Sache. Das hat viel Zeit gekostet. Dann auch am Wochenende. Und die finanziellen Sorgen, gerade wenn ich beim Material für den Kunden in Vorleistung gehen musste oder Zahlungen ausblieben. Ich habe manche Nacht nicht mehr geschlafen. Natürlich hat auch meine Frau gemerkt, dass die Anspannung immer mehr wurde. Wir haben auch darüber gesprochen. Doch an Aufgeben habe ich eigentlich nicht gedacht. Das kam eher durch ein zufälliges Gespräch und einen Unfall beim Rodeln mit meiner Tochter.


Also zunächst zu dem Unfall. Ich hatte nach dem Schlittensturz beim Rodeln mit meiner Tochter sehr starke Rückenschmerzen und bin zum Arzt gegangen. Die Frau hat mir dann gesagt, sie haben Morbus Scheuermann. Mit der Vorerkrankung der Wirbelsäule hätten Sie Ihren Beruf nie erlernen dürfen. Das war schon heftig.


Und die Idee mit dem Hausmeister ist im Prinzip beim Frühstück entstanden. Ein Freund und seine Frau waren bei uns zum Frühstück. Und wir haben auch über die Arbeit allgemein und meine Arbeit gesprochen. Der Freund leitet hier in Dresden ein Unternehmen und ich hatte dort eine Baustelle im Hof. Es war gerade Winter und er hatte keinen Hausmeister und keinen vom Winterdienst. Da habe ich gesagt, wenn Schnee liegt, kann ich sowieso nicht arbeiten, da kann ich dir deinen Winterdienst machen. Und das habe ich dann gemacht. Ich war dort fast vier Wochen, und da hatte ich auch so bisschen einen Einblick, was dort alles passiert in dem Objekt. Bisher waren da immer Studenten, die den Hausmeisterdienst gemacht haben. Und da hat dann meine Frau gesagt, wie sieht es denn aus? Wollt ihr nicht vielleicht einen Hausmeister haben? Und dann haben wir uns getroffen und ein richtiges Vorstellungsgespräch geführt.


Ein neuer Beruf, das bedeutet, für Neues offen zu sein und hinzuzulernen. Oft helfen Lebenserfahrung, aber auch berufliche Erfahrungen die neuen Anforderungen zu meistern. Unser Erzähler beschreibt dies für seinen neuen beruflichen Alltag so:


Ein Teil der Tätigkeiten die ich mache umfasst reine Hausmeistertätigkeiten, wie sie jeder kennt der ein Haus hat oder einen Garten oder eben nur die Hausordnung macht. Das heißt Rasen mähen, Grünanlagen pflegen, Reinigungsarbeiten. Aber auch Malerarbeiten, Holzarbeiten und alles, was in Gebäuden so anfällt. Doch der überwiegende Teil besteht darin, Seminare vorzubereiten. Da muss ich alles zurechtmachen, die Materialien zurechtlegen. Und ich bin auch verantwortlich für Restaurationsarbeiten von Anschauungsmaterialien und Übungsmaterial für die Teilnehmer. Also meine direkte Qualifikation kann ich da weniger einbringen. Aber wir haben ja das Haus, da habe ich viel selbst gemacht. Und mit zwei linken Händen ist man als Bauarbeiter sowieso verloren.


Was ich am meisten nutzen kann, sind Erfahrungen in der Organisation. Das habe ich ja auf den Baustellen gelernt. Da habe ich ja schon bei meinem Vater komplett von Anfang bis Ende organisiert. Also organisieren kann ich gut. Da muss keinen sagen, jetzt musst du erst das und dann jenes machen. Ich bekomme die Aufträge und dann kümmere ich mich und ich glaube, das schätzen sie in dem Unternehmen auch.


Für unseren Erzähler war der Bauberuf der Wunschberuf. Der Wechsel in den Beruf eines Hausmeisters mit vielen anderen Aufgaben kam scheinbar zufällig durch einen „Schlittenunfall“ und ein Frühstück mit Freunden. Doch war es wirklich so? Heute sieht unser Erzähler seinen ehemaligen Beruf und den beruflichen Wechsel so:


Ich habe die Entscheidung, meinen Beruf aufzugeben nicht ein einziges Mal bereut. Ich habe meinen Beruf sehr gern gemacht. Aber es war mir immer bewusst, dass ich diesen Beruf nicht mein ganzes Leben machen kann. Mir macht meine Arbeit jetzt sehr viel Spaß. Es ist abwechslungsreich und ich habe ja auch die Anerkennung der Kollegen und Vorgesetzten. Und ich sehe, was ich gemacht habe. Das ist genauso wie beim Bau. Da habe ich auch gesehen, was fertig geworden ist. Das ist mir auch heute noch sehr wichtig.

Ich habe jetzt auch mehr Freizeit. Und ich kann mich um meine Tochter kümmern. Ich kann richtig erleben, wie sie aufwächst. So, wie es wahrscheinlich viele andere gar nicht erleben können, weil einfach die Zeit fehlt. Und ich genieße das. Ich bin nicht traurig, dass ich meinen Beruf aufgeben habe. Ich habe viel dadurch gewonnen. Wahrscheinlich kommt da auch meine generelle Einstellung zum Leben ein wenig zum Tragen. Ich arbeite, um zu leben, und ich lebe nicht, um zu arbeiten.


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