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Von der Krankenschwester zur Kodierfachkraft


Zur Erfolgsgeschichte "Von der Krankenschwester zur Kodierfachkraft"

Krankenschwester war schon immer mein Wunschberuf. Ich bin deshalb auch nicht auf die Erweiterte Oberschule (Abitur) gegangen. Meine Familie war schon immer sozial sehr engagiert, besonders meine Mutter. Ich hatte außerdem Erfahrungen mit der Pflege kranker Menschen in unserer Familie. Ich wollte unbedingt in den OP-Bereich. Dort habe ich auch mein Examen gemacht. Mir war von Anfang an wichtig, immer neue Dinge zu lernen. Das wäre so im Stationsbereich nicht möglich gewesen. Also, immer Neues lernen, das hat mir Spaß gemacht. Als belastend habe ich die schwere körperliche Arbeit erlebt, nicht nur bei den Patienten. Wir mussten ja damals alle Reinigungsarbeiten, Küche und Abwasch selbst machen.


Doch nicht nur die körperlichen Belastungen haben die Ausübung des Berufes unserer Erzählerin in Frage gestellt. Es kam eine Erkrankung hinzu, die die Arbeit im Wunschberuf in der entsprechenden Abteilung unmöglich machte. So ging es dann weiter:


Bei mir wurde dann eine Kontaktallergie zu bestimmten Reinigungssubstanzen festgestellt. Eigentlich sollte ich deshalb aus dem Beruf ausscheiden. Doch das war für mich unvorstellbar. Mich hat dann auch die Pflegedienstleitung unterstützt und ich konnte in den normalen Stationsbereich wechseln. Da war natürlich Manches neu. Doch mir hat hier meine Ausbildung geholfen, mich schnell zurechtzufinden.


Gefallen hat mir die Zusammenarbeit im Team und die Stationsschwester, die sich immer für uns eingesetzt hat. Außerdem gehörte die Zuwendung zum Patienten und die dafür notwendige Zeit zum normalen Arbeitsalltag. Es gab auch immer wieder neue Technik und neue Verfahren. Und das Lernen und das Gelernte anzuwenden, ist mir immer ganz wichtig gewesen. Aber auch auf dieser Station mussten wir oft improvisieren. Es gab nur wenige Hilfsmittel.


Unsere Erzählerin hat, wie vielleicht auch Sie, dann eine Familie gegründet und den Wohnort gewechselt. Das bedeutete für sie, in ihrem Beruf einen neuen Arbeitgeber zu finden. Doch mit den gesellschaftlichen Veränderungen im Zusammenhang mit der Wiedervereinigung Deutschlands hatte sich mehr als nur der Arbeitgeber verändert. Die schrittweise „Entzauberung“ ihres einstigen Wunschberufes beschreibt die Erzählerin so:


Mit der Geburt unserer zweiten Tochter sind wir dann umgezogen. Ich wollte so schnell wie möglich wieder in meinen Beruf zurück. Das war damals die Zeit der Wende, da war es nicht so schwer, eine neue Stelle zu finden. Doch es war schon seltsam. Als ich dann wieder dabei war, hatte ich immer mehr das Gefühl, dass sich mit der Wende und den Privatisierungen im Klinikbereich auch mein Beruf verändert.


Das Verhalten der Kollegen untereinander hat sich verschlechtert. Angesichts des Personalabbaus gab es immer mehr Konkurrenzdenken. Darunter hatte auch ich zu leiden. Ich war wegen einer Kontaktallergie vom Reinigungsdienst befreit und außerdem habe ich mir nicht alles gefallen lassen. Ich musste auch immer da sein. In der Ferienzeit konnte ich nie Urlaub nehmen. Da wurde immer gesagt: Du hast doch die Fachausbildung bekommen. Also musst du auch da sein. Mitdenken war auch nicht mehr erwünscht. Insbesondere in der Zusammenarbeit mit dem ärztlichen Bereich war nur noch Handeln "auf Befehl" verlangt. Die Kommunikation war in alle Richtungen gestört. Leidtragende waren in erster Linie die Patienten und der Pflegedienst. In den Jahren, in denen ich dann noch dort war, haben zehn von meinen ehemaligen zwölf Kolleginnen gekündigt. Ich selbst wollte auch weg. Aber ich hatte eine Zusatzausbildung begonnen und war durch den Ausbildungsvertrag gebunden.


Nicht nur die Arbeit und die sozialen Kontakte hatten sich für unsere Erzählerin verändert. Auch die körperlichen Belastungen der ersten Berufsjahre machten sich bemerkbar. Gegen körperliche Beschwerden kann man selbst etwas tun. Doch wenn das soziale Klima am Arbeitsplatz nicht stimmt, wie lange kann man das aushalten? Unsere Erzählerin hat sich dafür entschieden, selbst aktiv zu werden und das in zweierlei Hinsicht:


Inzwischen begannen dann auch körperliche Beschwerden. Es war ja klar, die ersten Jahre war meine Arbeit körperlich sehr anstrengend. Da habe ich gedacht, Du musst etwas dagegen tun. Ich habe physiotherapeutische Behandlungen bekommen und dann auch selbst regelmäßig Gymnastik gemacht. Aber ich wollte dort auch nicht mehr arbeiten. Mir hat das gemeinsam Arbeiten gefehlt und den Konkurrenzdruck wollte ich nicht mehr aushalten.


Ich habe eine neue Stelle gesucht. Ich konnte mir die Stelle aussuchen, so viele Angebote gab es. Um die Auflösung des Weiterbildungsvertrages mit meinem vorherigen Arbeitgeber musste ich kämpfen, aber am Ende musste ich dann doch keine Kosten übernehmen.


Ich habe dort angefangen, als das Zentrum gerade neu gebaut worden war. Wir waren ein junges Team und haben gemeinsam die Station aufgebaut. Die Kommunikation mit dem ärztlichen Bereich war gut. Der Patient stand immer im Vordergrund. Wir hatten viel Zeit für die Arbeit mit dem Patienten. Ich habe viele neue Behandlungsmöglichkeiten und neue Technik kennen gelernt. Das war mir ja immer wichtig, Neues zu lernen. Und hier war auch mein Fachwissen gefragt. Bei der Einarbeitung hat mir meine Zusatzausbildung im Bereich der Intensivmedizin sehr geholfen. Und außerdem hatte ich inzwischen viel Erfahrung im Umgang mit schwierigen Situationen in der Zusammenarbeit im Team, aber auch mit den anderen Bereichen.


Mit der Übernahme durch den Konzern hat sich Vieles verändert. Der Patient stand nicht mehr im Vordergrund. Alles wurde unter Kostengesichtspunkten betrachtet. Es musste immer mehr Zeit für die Dokumentation verwendet werden. Die fehlte dann für die Arbeit am Patienten. Außerdem wurde das Klima unter den Kollegen immer schlechter. Es wurde Personal abgebaut und das hat das Misstrauen untereinander immer größer werden lassen. Es kamen neue Ärzte und die kamen aus einer anderen Welt. Für die war die Krankenschwester nur Handlangerin. Die Meinung der Schwester und ihr Fachwissen zählten nichts mehr. Zudem war die Kommunikation zwischen der Leitung des Hauses und dem ärztlichen Bereich zunehmend gestört. Der Leidtragende war wieder der Patient und es kam auch zunehmend zu Patientenbeschwerden. Seit der Übernahme gibt es intern kaum noch Fort- und Weiterbildungen für den pflegerischen Bereich. Das wird alles über den Verbund organisiert. Aber notwendige Weiterbildungen werden nicht finanziert.


Als Schichtleiterin habe ich immer wieder auf die Missstände auf Station hingewiesen. Geholfen hat das wenig. Ich wollte unter diesen Bedingungen nicht mehr auf Station arbeiten. Mit 40 oder 50 geht das auf einer Intensivstation ohnehin nicht mehr. Ich wollte aber auch, dass mein Fachwissen nicht brach liegt. Deshalb kam für mich ein Wechsel auf eine andere Station nicht in Frage. Ich habe etwas Neues gesucht. Aber ich beherrsche keine Fremdsprachen und das ist ein Nachteil.


Unsere Erzählerin hat über verschiedene berufliche Stationen immer mehr die „Entzauberung“ ihres einstigen Wunschberufes erlebt. Wie ist es eigentlich bei Ihnen, wenn Sie heute über Ihren Arbeitsalltag nachdenken? Ist es noch das, was Sie einmal im Beruf tun und erreichen wollten? Sind Sie zufrieden mit Ihrer Arbeit, den Arbeitsbedingungen, dem sozialen Klima am Arbeitsplatz? Oder erleben Sie auch eine „Entzauberung“ Ihrer Vorstellungen von Ihrem Beruf?


Sie wollte deshalb den Beruf wechseln. Dabei haben ihr Veränderungen im Unternehmen ebenso geholfen, wie ihr Engagement, Missstände in ihrem Arbeitsalltag nicht hinzunehmen.


Die Pflegedirektion ist an mich herangetreten, weil ich immer wieder Veränderungen angemahnt habe. Es wurde die Stelle einer Kodierfachkraft neu geschaffen. Ich wurde gefragt, ob ich das nicht machen wollte. Ich hatte dann zunächst ein halbes Jahr Probezeit. Das wollte ich so. Jetzt habe ich einen festen Arbeitsvertrag. Ich bin nur zwei Tage eingewiesen worden. Eigentlich dauert die Ausbildung zur Kodierfachkraft zwei Jahre. Ich habe das auch schon öfter nachgefragt, aber dafür ist kein Geld da. Lediglich die Schulungen zu gesetzlichen Änderungen bekomme ich regelmäßig gestattet. Ich musste viel über Gesundheitsökonomie lernen. Nach der Einweisung habe ich viel selbst im Internet gesucht oder bei den Kostenträgern nachgefragt. So habe ich mir das nötige Wissen erworben. Neu war für mich die selbstständige Arbeitsorganisation. Ich verstehe jetzt auch viel besser die Arbeit in der Verwaltung. Da ist nicht Feierabend, wenn die nächste Schicht kommt, sondern wenn die Arbeit erledigt ist. Ich habe deshalb auch kaum mehr als zwei Wochen zusammenhängend Urlaub. Die Arbeit muss ja erledigt werden.


Ein beruflicher Wechsel ist immer mit neuen Herausforderungen, mit dem Lernen von Neuem verbunden. Oft ist dieses Lernen gar nicht so schwer, wie wir meinen. Wir verfügen durch unsere berufliche Arbeit, durch die Gestaltung unseres Lebensalltages über einen reichen Schatz an Erfahrungen, der uns die Bewältigung neuer Herausforderungen oft leichter macht als jüngeren Menschen. Unsere Erzählerin hat dies so erlebt:


Geholfen hat mir beim Einstieg in den neuen Beruf, dass ich die Abläufe in der Pflege kenne. Mein Fachwissen überzeugt auch im ärztlichen Bereich. Dadurch konnte ich viel bewegen. Ich habe in meinem Berufsleben immer wieder dazu gelernt. Ich war immer neugierig auf neue technische Geräte und neue Behandlungsmethoden. Und ich habe durch meine Arbeit in den verschiedenen Häusern viel Erfahrung im Umgang mit schwierigen Situationen im Bereich der Kommunikation.


Ich verstehe jetzt die Dokumentation viel besser, sowohl in therapeutischer als auch in juristischer Hinsicht. Ich sehe jetzt auch, welche Behandlung wie viel Geld kostet, weil ich Gesundheitsleistungen in Zahlen übersetze. Jede Dokumentation ist ja eigentlich ein Reflexionsprozess, was ich weshalb am Patienten getan habe. Das ist doch sinnvoll und das versuche ich auch zu vermitteln.


Und wie beurteilt unsere Erzählerin heute ihren beruflichen Wechsel?


Ich bin froh, dass ich gewechselt habe. Nach 20 Jahren Intensivstation ist da einfach Schluss, zumal unter den heutigen Bedingungen. Als schwierig erlebe ich den zunehmenden Kostendruck. Im Haus gibt es auch kein Medizincontrolling, das die Arbeitsabläufe und Aufgabenbereiche sinnvoll verändert. Außerdem stellt sich der ärztliche Bereich bei allen Fragen der Abrechnung und bei allen Veränderungen immer quer. Und dann ärgert es mich, dass mir das Haus keine Möglichkeit gibt, für meine Tätigkeit einen zertifizierten Berufsabschluss zu erlangen. Aber das werde ich auch noch schaffen. Ich habe ja gelernt, wie wichtig es ist, sich mit überzeugenden Argumenten durchzusetzen.


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