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Vom Dachdecker zum Systemadministrator


Zur Erfolgsgeschichte "Vom Dachdecker zum Systemadministrator"

Zu dem Beruf bin ich mehr schlecht als recht gekommen. Also ursprünglich wollte ich nach der Schule Fernsehelektroniker oder Fernsehmechaniker lernen. Doch meine Noten waren nicht dementsprechend. Da fiel der Berufswunsch eben weg. Und ich hab mich gefragt, was könntest du jetzt noch machen, als 15-jähriger Bub. Da habe ich meinem Vater bei der Laube geholfen, das Dach zu decken. Gut, so schwer war das nicht. Da habe ich gedacht, machst du halt das. Ich habe also die Ausbildung gemacht und bin dann durchgestartet. Die Dächer müssen gemacht werden und man verdient auch gutes Geld.


Ich habe dann 10 Jahre später noch meinen Meister gemacht. Aber irgendwo war das dann schon nicht mehr der Beruf, wo ich sagen konnte, hier werde ich alt. Regen, Schnee. Man musste immer draußen stehen. Und es war immer ein gewisser zeitlicher Druck. Es war eine verdammt schwere körperliche Arbeit. Ich habe es schon gespürt, dass die Knochen oft weh taten. Und wenn ich ehrlich bin, manchmal habe ich auch so geistige Anforderungen, auch im Gespräch mit manchen Kollegen, vermisst. Ich wollte einfach runter vom Dach und habe mich umgeschaut.


Ich habe mich dann mit einem Bekannten selbstständig gemacht. Eine GmbH gegründet. Dort war ich Geschäftsführer und Betriebsleiter für den Bereich Dach und der Geschäftsführer Bereich Maurer - Fliesen. Es war zwar eine andere Arbeit, aber immer noch komplett mit dem Bau verbunden. Trotz der Bürotätigkeit musste ich ständig mit arbeiten, damit es sich rechnet. Mir hat die ganze Dachdeckerei keinen mehr Spaß gemacht. Ich habe mich jeden Morgen gequält aufzustehen.


Meine Entscheidung ist lange in mir gewachsen. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Wenn man in Lohn und Brot steht, da hat man auch nicht die Zeit, sich Gedanken über die berufliche Zukunft zu machen. Als junger Mensch geht man auch lieber abends feiern. Ich war am Anfang immer noch zwiespältig ob ich in den kaufmännischen Bereich gehen soll, oder etwas ganz anderes, z.B. mit der EDV. Das hatte ich als Steckenpferd ja immer schon zu Hause. Ich hatte immer Computer zu Hause. Die Bedienung, das habe ich mir immer alles selbst beigebracht. Ich habe aber nie daran gedacht, das zu meinem Beruf zu machen.


Dann war ich mit einem Freund sechs Wochen in Südafrika. Da war der räumliche Abstand, der Stress war weg. Ich habe gedacht, irgendwann musst du dir was anderes einfallen lassen. Es kann nicht sein, dass man jetzt den ganzen Tag auf dem Dach herumspringt, immer wieder Schmerzen hat, währenddessen es vielleicht auch anders sein könnte. Ich habe dann überlegt, was kann ich eigentlich und was kann ich daraus beruflich machen, was verdiene ich auf dem Dach und was kann ich anderswo verdienen.


Ich hatte inzwischen geheiratet und meine Frau verdiente auch Geld. Da habe ich mit ihr gesprochen und wir haben entschieden, dass ich jetzt etwas anderes anfangen kann. Ich hab mir dann ein berufsbegleitendes Studium rausgesucht und habe angefangen, Wirtschaftsinformatik zu studieren. Dort hab ich dann wieder gemerkt, dass das noch als Kindheitstraum in mir war. Ja es machte wieder richtig Spaß.


Ein Hobby zum Beruf machen, das gelingt manchen Menschen. Doch ist es wirklich so einfach, wie es klingt?


Dann habe ich aber nach dem ersten Semester gemerkt: Das Studium aus der linken Hand schütteln kann ich doch nicht. Ich war ja schon Anfang vierzig. Und der Studienbetrieb, das regelmäßige Lernen, das ist mir sehr schwer gefallen. Da bin ich am Anfang recht gnadenlos eingebrochen: Zensurenstand 5 bis 6, 4 wenn ich mal Glück hatte.


Ich war früh auf der Baustelle. Wir hatten eine richtig große Baustelle. Ich bin in der Regel früh um vier aufgestanden und war so um halb sechs abends wieder hier. Um 18:15 Uhr ging dann das Studium los. Ich habe dann auch schon in der Vorlesung manchmal geschlafen. Ich war dann um zehn oder viertel elf wieder zu Hause, habe mich ins Bett gelegt und habe geschlafen und bin bei den Klausuren regelmäßig eingebrochen.


Da stand ich dann vor der Frage: Entweder ich höre auf zu studieren, weil so kann es nicht weitergehen oder ich hänge den Job an den Nagel und konzentriere mich auf das Studium. Der Familienrat hat getagt und wir haben entschieden, ich höre auf zu arbeiten. Weil von nichts kommt nichts und wir müssen das Risiko eingehen.


Nach zwei Jahren war aber mit dem Arbeitslosengeld Schluss. Ich habe mich dann intensiv um eine Umschulung zusätzlich zum Studium bemüht. Und dann habe ich Glück gehabt. Dann ging eine Umschulung zum Informatikkaufmann los. Zwei Jahre mit IHK-Abschluss. 63 Prozent vom letzten Nettogehalt. Ich habe gedacht, wenn ich das schaffe, dann kann ich zwei Jahre lang gut damit leben. Entsprechend habe ich mich vorbereitet. Ich habe mit der Schule Kontakt aufgenommen. Das Auswahlverfahren habe ich dann gut geschafft. Nun saß ich tagsüber im Unterrichtsraum. Und abends in der Uni. Aber das war dann wirklich völlig entspannt. Von der Tätigkeit, vom Stoffgebiet her war ja beides identisch.


Unser ehemaliger Dachdecker hatte einerseits gute Startbedingungen: Seine Frau konnte seinen Weg in einen neuen Beruf – sicher nicht nur finanziell – unterstützen.


Andererseits ist ihm der Weg aus der beruflichen Arbeit auf die Schulbank nicht leicht gefallen. Und er musste eine Entscheidung treffen. Es war nicht beides zu meistern: das Arbeiten auf dem Dach und das Lernen für einen neuen Beruf. Er hat sich – gemeinsam mit seiner Familie - entschieden, den Beruf aufzugeben, dieses finanzielle Risiko einzugehen. Doch er hat auch alles getan, das Risiko, nach der Ausbildung keine Anstellung zu finden, so klein wie möglich zu halten. Und das war sein Weg zum ersten Erfolg im neuen Beruf:


Vier Jahre später war das Studium dann zu Ende. Ich habe mich zwischendurch immer schon beworben. Das war branchenübergreifend, angefangen bei einer Reinigungsfirma bis hin zu Baufirmen, aber dann direkt in den kaufmännischen Bereich. Mir war es wichtig, gleich nach dem Studium eine Anstellung zu finden. Und die Resonanz war nicht schlecht, auf ungefähr 20 Bewerbungen kam immer ein Vorstellungsgespräch.


Im Rahmen der Umschulung, wir mussten auch Praktika machen, da habe ich mir gedacht, eigentlich ist das ja der Idealfall, jetzt kann ich bestimmt ein Unternehmen aussuchen und ich habe dann die Augen aufgehalten. So ist mir auch mein jetziges Unternehmen über den Weg gelaufen, bei dem ich gesagt habe, dort willst du eigentlich arbeiten.


Dort reinzukommen war nicht einfach. Die haben eine eigene EDV-Abteilung gehabt und da habe ich mich beworben. Ich habe eine Absage bekommen. Ich habe mich wieder beworben, angerufen. Ich bin den Leuten wirklich ein wenig auf die Nerven gegangen. Doch ich wollte das Praktikum. Ich wollte unbedingt in dem Unternehmen arbeiten. Das hat dann auch geklappt und die Arbeit ist mir leicht gefallen und ich habe sie gut gemacht. Ich habe dort Projekte betreut und hatte nach Ablauf des Praktikums schon meinen ersten, wenn auch befristeten Arbeitsvertrag.


Es war ein guter Start, direkt nach Abschluss der Ausbildung ein – wenn auch befristeter – Arbeitsvertrag. Doch es war nicht der letzte Stolperstein, den es auf dem Weg zum Ankommen in dem neuen Beruf zu überwinden galt:


Dann kam noch ein Anschlussprojekt. Das lief recht schnell aus. Dann habe ich die Kündigung gekriegt, weil mein Vertrag projektbezogen war, und stand dann auf der Straße.


Mit den Referenzen aus meinen Praktikumsbetrieben bin ich losgezogen und habe mich bei sehr, sehr vielen Zeitarbeitsfirmen beworben. Ich wollte erst einmal in den Job kommen. Ich habe in verschiedenen Unternehmen als Leiharbeiter gearbeitet. Den Kontakt zu meinem ehemaligen Chef bei meinem ersten Arbeitsgeber habe ich nie abreißen lassen. Und dann, nach zwei Jahren, war es soweit. Ein Mitarbeiter ging in Rente, das wusste ich. Ich habe mich dann auch gleich beworben und den Job bekommen. Seitdem bin ich da, wo ich hinwollte.


Wenn es schwer war, habe ich mir immer gesagt: Wenn du das jetzt nicht schaffst, dann musst du wieder auf das Dach zurück. Und dann waren alle Zweifel jedes Mal vorbei: Ich wollte nicht wieder auf das Dach zurück. Und das war der Antrieb.


Man braucht natürlich Durchhaltevermögen und einen gewissen Glauben an sich selbst. Es gab sicherlich Vorstellungsgespräche, wo ich hin bin, und dann so von oben herab gesagt bekommen habe: Sie haben ja überhaupt keine Erfahrung... Da muss man dann einfach drüber stehen. Man muss an sich selber glauben, fleißig sein und man darf sich auch nicht hängen lassen. Man muss sich immer wieder aufrappeln.


Ich bin heute glücklich in meinem Beruf. Die Entscheidung habe ich keine Sekunde bereut. Selbst in den Zeiten wo ich arbeitssuchend war und ich mich um neue Arbeit kümmern musste, selbst dort habe ich es nicht bereut, diesen Schritt gegangen zu sein.


Ich kann mir vorstellen in meinem jetzigen Beruf bis zur Rente zu arbeiten. Es ist eine recht verantwortungsvolle Aufgabe. Und das ist ein recht großes Unternehmen mit recht komplexen Technologien, die dahinter sind. Das macht auch unheimlich Spaß und es ist ein schönes Arbeiten mit den Kollegen.


Wahrscheinlich sind Sie kein gelernter Dachdecker, doch vielleicht arbeiten auch Sie in einem Beruf, der durch körperlich schwere Arbeit gekennzeichnet ist. Dies möchte Ihnen unsere Erzähler mit auf die Entdeckungsreise, auf Ihren Weg des Nachdenkens über einen neuen Beruf mitgeben:


Nach meiner Meinung ist es fast unmöglich, den Beruf des Dachdeckers bis 67 auszuüben. Weil der Job an sich von den Handgriffen, von den Bewegungsabläufen und den ganzen Gewichten so konzipiert ist, dass man es nicht bis 67 aushalten kann. Es gibt sicherlich Leute die das schaffen, aber die werden mit 67,5 ein Problem mit dem Rücken haben, wenn sie dann nicht mehr im Stoff stehen. Ich habe es auch gemerkt. Ich hatte mich – auf deutsch gesagt – vor gewissen Arbeiten gedrückt. Ab einer gewissen Stellung konnte ich das auch machen. Ich habe dann gesagt: Okay, dann nehme ich den frisch Ausgelernten, der kann mir das Zeug hierher schleppen.


Ich empfehle jedem, sich zu qualifizieren. Es muss ja nicht weg aus dem Beruf sein, wie bei mir. Es gibt ja Leute denen macht das Spaß, den ganzen Tag auf dem Dach zu stehen oder diesen Bauberuf auszuüben. Aber dann sollte man sich zumindest qualifizieren. Also Techniker machen, Meister. Und man kann ja auch selber was tun: Ich hab zu meinem Kollegen immer abends gesagt: Geh mal lieber in die Knie, da tut es Dir nach Feierabend nicht ganz so weh.


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